Herbst 2008
Ich bin angekommen in Deutschland

Ein Gespräch mit Nihat Sorgeç vom BildungsWerk in Kreuzberg
Es gibt Menschen, denen möchte man gleich zwei Mal zu ihrem runden Geburtstag gratulieren: einmal, weil es für sie ein Grund zum Feiern ist, und zum anderen, weil man sich selbst zu einem solchen Mitbürger beglückwünschen möchte. Im allgemeinen geschieht letzteres in Form einer offiziellen Auszeichnung und so erhielt der in Antakya in der Türkei geborene Nihat Sorgeç in diesem Jahr das Bundesverdienstkreuz zur Würdigung seines sozialen Engagements für Arbeit, Ausbildung und Chancengleichheit.
Der Maschinenbauingenieur ist seit zwanzig Jahren in der Bildungsbranche tätig, seit 1997 leitet er als Geschäftsführer das BildungsWerk in Kreuzberg, dessen Motto „Integration durch Qualifikation“ ein umfangreiches Aufgabengebiet erahnen lässt. Rund 800 Jugendliche und Erwachsene nehmen derzeit dieses Bildungsangebot wahr, das von Alphabetisierungs- und Deutschkursen, bis zu komplett abgeschlossenen Ausbildungen zum Anlagenmechaniker/in oder beispielsweise zum Hotelfachmann/-frau mit interkulturellem Schwerpunkt reicht.
Den größten Ansporn für die Lernwilligen dürfte dabei die Erfolgsgeschichte von Nihat Sorgeç bieten. Ist es für ihn in diesem Zusammenhang überhaupt noch ein Thema, Türke in Deutschland zu sein?
„Für mich ist es wichtig, etwas aus dem eigenen Leben zu machen, selbst eine Vision zu haben und sie zu verwirklichen. Auf Türkisch sagen wir zur Heimat „Mutterland“ und das bleibt die Türkei für mich. Aber genauso kann ich über Deutschland sagen: Ich bin angekommen in meinem Vaterland.“ Und das in sehr offensichtlicher Form, möchte man kommentieren, denn die Liste der Auszeichnungen für das Engagement um die Freundschaft und das gegenseitige Verständnis von Türken und Deutschen ist sehr lang und ausgesprochen ehrenvoll.
Was eigentlich offensichtlich scheint, ist, dass derzeit in der Türkei, aber auch von deutschen Firmen für den Standort Türkei händeringend Fachkräfte für fast alle Bereiche gesucht werden, die über ein bilinguales Profil verfügen. Warum tun sich die türkischen Jugendlichen in Deutschland so schwer, sich selbst durch einen Schulabschluss die Zugangsvoraussetzung zu diesem Arbeitsmarkt zu schaffen?„Meiner Ansicht nach wurde viel zu lange versäumt, sich von Seiten der Politik und der Verantwortlichen ein Integrationsproblem überhaupt einzugestehen. Das deutsche Bildungssystem ist nicht auf diese Jugendlichen zugeschnitten. Es gibt für sie kaum Vorbilder, denen es nachzueifern gilt.“
Auch um Ziele und Vorbilder zu schaffen, wurden gemeinsam mit Partnern einige Projekte ins Leben gerufen, so z.B. die jährliche Prämierung von gemeinsamen Initiativen durch die Berliner Tulpe. Es gibt noch so viel zu tun, aber wie zitiert Nihat Sorgeç mit Nachdruck: „Von nichts kommt nichts!“
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