Sommer 2008
Berlin ist mein Standortfaktor

Ein Gespräch mit der Modedesignerin Evelin Brandt
Modestadt Berlin, warum ist das für Sie kein Gegensatz?Berlin und Mode, das geht für mich zusammen und ich bin mir fast sicher, ohne Berlin wäre ich nie zur Mode gekommen, hier bin ich mutiger, offener und kreativer geworden. Berlin hat heute vielleicht wieder die größte Modeszene der Welt. Und nicht in dieser Stadt zu leben - ich frage mich manchmal schon, wie dann meine Entwicklung ausgesehen hätte.
In einem Zeitungsartikel haben Sie die Selbstverständlichkeit von mehr Frauen in guten Jobs eingefordert. War Ihre Karriere mit Hindernissen gepflastert?Einerseits nein, weil ich immer meine eigene Chefin war, andererseits ja, weil ich natürlich oft gegen Vorurteile ankämpfen musste: Die Fragestellungen (von Männern) standen oft unausgesprochen im Raum: Ja, kann die das denn überhaupt? Ist sie stressresistent, hat sie Führungsqualitäten? Strategisches und rationales Denken wird immer noch mehr den Männern zugeordnet, für die Frauen bleibt nur die soziale Kompetenz. Dabei müssen sich Frauen viel mehr und besser organisieren und zeitliche Rahmen einhalten - das geht nun mal nur mit viel Strategie und rationalem Denken. Soziale Kompetenz ist selbstverständlich, wer sie nicht hat sollte keine Führungsaufgaben übernehmen. Inzwischen ist es einfach für mich: Ich genieße gewissermaßen Respekt und beschäftige mich nicht mehr mit möglichen Diskriminierungen.
Als eigenständiges internationales deutsches Modelabel fällt mir spontan nur Jil Sander ein. Hat die für Sie eine Vorbildfunktion?Natürlich hat Jil Sander auch eine Vorbildfunktion: Sie hat sich trotz aller Rückschläge immer wieder durchgebissen, ihre Leistungen sind bewunderungswürdig, sie hat einen unverwechselbaren Stil kreiert, der weltweit ein Begriff ist. Wer wollte nicht auf solch ein Lebenswerk zurückblicken können?
Sie haben auch eine „More Woman“-Linie mit Kleidungsgrößen zwischen 40-52. Ärgert es Sie, wenn ansprechende Designer-Mode nur in etwas mageren Größen angeboten wird?Ja, da haben Sie wirklich recht. Mode soll schmücken, uns schmeicheln und unsere Persönlichkeit unterstreichen. Damit hapert es generell bei den Größen ab 42, hier müssen viel mehr gute Designlösungen in gute Passformen umgesetzt werden.
Von Ihnen stammt die Äußerung, dass man nicht nur an Expansion und Neues denken sollte, sondern als Basis für schlechte Zeiten auch an das Sichern und Perfektionieren. Ist das Ihre Unternehmensstrategie?Ja, beides ist wichtig. Rückschläge gehören zum Leben, niemand sollte überrascht sein, wenn sie eintreten. Das dann zu managen ist schwierig genug, aber wer fährt schon zur See ohne ein Rettungsboot? Perfektionieren heisst einfach nur die Arbeit gut machen und nicht aufhören, sie von Saison zu Saison immer wieder zu verbessern. Nicht alles gelingt beim ersten Mal, aber in unserer Branche haben wir immer wieder eine neue Chance. Gesichert wird ein Unternehmen nicht nur durch Rücklagen sondern auch durch ein lange zusammenarbeitendes Team, das sich mit dem Unternehmen voll identifiziert und zusammensteht.
Inwieweit ist für Sie Berlin als Standortfaktor wichtig?Die Stadt beflügelt mich, sie hat Spannung oder auch ‚Drive‘, sie gibt mir Inspiration und Lebensfreude. Alle meine MitarbeiterInnen sind von hier, sind BerlinerInnen von Herzen, ohne sie ginge gar nichts. Wir arbeiten in einer schönen zentralen Location, die zu unserem zweiten ‚Zuhause‘ geworden ist. Erst wenn ich mir vorstelle, den ganzen Betrieb zu verlagern, wohin auch immer, lautetet die Antwort: Niemals. Die Stadt als solche ist der Standortfaktor, das ist unabhängig von fehlendem oder gewährtem Sponsoring durch die Wirtschaftspolitik Berlins.



















