Winter 2009
Eine ganz normale Frau sein

Eine der berühmtesten Mezzo-Sopranistinnen weltweit ist die gebürtige Berlinerin Christa Ludwig. Nach 48 Bühnenjahren hat sie mit damals 66 Jahren mit dem Singen endgültig abgeschlossen und wurde nach all den Entbehrungen, die ihre blühende Karriere mit sich brachte, endlich eine ganz normale Frau. Gemeinsam mit ihrem Mann, mit dem sie seit 37 Jahren verheiratet ist, lebt sie heute glücklich in der Nähe von Wien.
Was verbinden Sie mit Berlin?1945 bin ich vor amerikanischen Offizieren aufgetreten und habe Lieder wie „Stormy weather“ gesungen. Aus dieser Zeit stammt auch meine früheste Erinnerung an Peanut Butter und dass wir nach dem Konzert fürchterlich geklaut haben. Wir hatten ja wirklich nichts. Später führten mich regelmäßige Verpflichtungen an die Deutschen Oper Berlin und natürlich die viele Verwandtschaft dort. Heute ist Berlin für mich die tollste und aufregendste Stadt der Welt. Es gibt noch immer witzige Leute dort, die Herz und Schnauze haben. Das gefällt mir.
Schauen Sie gern auf Ihre lange Opernkarriere zurück?Ich darf nicht undankbar sein, ich hatte großes Talent, aber ich musste auch unentwegt arbeiten. Es war eine schöne und zugleich schwere Zeit. Und in meinen besten Momenten habe ich geglaubt, jetzt bricht etwas Kunst aus. Dabei hatte ich das große Glück, immer mit den besten Dirigenten zusammen zu arbeiten: Solti, Böhm, Karajan oder Bernstein. Als ich mein Abschiedskonzert gegeben habe, stand in der Zeitung: „Warum hört sie auf?“ Besser als andersherum. Ich wollte einfach noch die Zeit genießen, mal eine ganz normale Frau sein, eine Erkältung haben, weil ich ohne Schal im Kalten spazieren gehe oder einfach nur mal reden. Ich denke oft, ich räche mich heute an den früheren Jahren, indem ich rede. Mitunter zu viel, sagt mein Mann.
Wenn Sie jetzt zurück blicken, welche Bühnenfiguren haben Sie schon immer fasziniert?Grundsätzlich Figuren, die sich menschlich entwickeln, wie die Kundry, die Frau ohne Schatten, die Ortrud oder die Amneris – na ja, liebende Frauen waren mir eigentlich zu fad. Die Waltraute hat mir gefallen, die warnt: lasst ab von dem Ring. Am liebsten Fidelio, aber ich bin ja leider nicht als Sopran geboren, sondern ich bin morgens immer als Rabe aufgewacht. (Sie lacht) Ich mag Figuren, die Hindernisse zu überwinden haben.
Genießen Sie den Winter? Was machen Sie, um sich die trüben Tage zu verschönern?Ich liebe die Lichter an den Bäumen und ich liebe es, wenn der Nebel kommt. Ich schaue gern auf den Schnee, aber auch der Regen macht mir nichts. Ich kuschel mich in eine Ecke und höre Musik oder lese. Nach 16 Jahren an der Cote d’Azur sind mein Mann und ich wieder nach Wien gezogen. Und wenn uns jetzt danach ist, ziehen wir uns schön an und gehen einfach in die Oper.


















