Herbst 2011
IM HERZEN EUROPAS

EIN GESPRÄCH MIT NATALIA ZARUDNA, BOTSCHAFTERIN DER UKRAINE
BF Seit drei Jahren sind Sie Botschafterin der Ukraine in Berlin. Wo setzen Sie den Schwerpunkt Ihrer persönlichen Arbeit?
In der Ukraine ist Deutschland zweitgrößter Investor, nach der Republik Zypern, also habe ich zunächst versucht, bei allen Entwicklungen auf dem Laufenden zu sein und meinen eigenen Horizont zu erweitern. Das Hauptaugenmerk lag natürlich auf der Weltwirtschaftskrise, die gerade begann, als ich nach Berlin kam. Für mich hat aber auch die europäische Integration der Ukraine absoluten Vorrang. Seit 20 Jahren sind wir ein unabhängiges Land und werden von Deutschland bei unseren Reformen unterstützt, näher an die Umsetzung der Kopenhagener Kriterien zu kommen. Ziel ist es, eine Freihandelszone mit der Europäischen Union zu schaffen. Auch die technische und finanzielle Unterstützung bei der Umformung des Energiesektors durch verschiedene Maßnahmen ist sehr wichtig. Und dann arbeite ich am Ausbau kultureller Kooperationen, da gibt es derzeit bereits 180 Institutionen im wissenschaftlichen und universitären Bereich. Es gibt viel zu tun, so dass meine Arbeitstage lang sind.
BF Wie weit sind die Vorbereitungen für die EM, deren Spiele zum Teil in der Ukraine abgehalten werden, schon gediehen?
Nun, wir freuen uns alle sehr auf die EM und arbeiten mit Hochdruck an der Vorbereitung. Wir werden alle finanziellen Mittel einsetzen, die wir ermöglichen können. Am 11. November gibt es ein vorbereitendes Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und der Ukraine, das hoffentlich bereits Tausende von Fans auf die Stadt Kiew aufmerksam macht. Auch das letzte Spiel der EM wird dort zu sehen sein. Ein Traum wäre es natürlich, wenn es die gleiche Besetzung hätte.
BF Was hat die Ukraine touristisch außer seinen gastfreundlichen und herzlichen Bewohnern zu bieten?
Es gibt noch nicht so viele Touristen, aber diejenigen, die einmal kamen, kommen mehrfach wieder. Wir haben sehr viel zu bieten, so eine große landschaftliche Vielfalt: von den Karpaten, die sich auch für den Wintersport eignen, bis zur Halbinsel Krim. Der Osten und der Westen des Landes, das um einiges größer als Deutschland ist, sind sehr unterschiedlich. Es gibt eine Reihe von UNESCO-geschützten Sehenswürdigkeiten wie die Stadt Lviv und ein einzigartiges Biosphären-Reservat. Und natürlich Städte wie Kiew und Odessa, die durch den Fluss Dneprs verbunden sind. Oder Lwow, das frühere Lemberg sowie Lavra und die Prachtstraße Kreschtschatik. Ein Urlaub wird definitiv nicht genug sein, zumal es auch gilt, die leckere Küche, das sehr gute Bier und die vorwiegend süßen Weine oder den Cognac kennen zu lernen.
BF Was haben die Menschen für ein Naturell, würden sie sich erschrecken über die Berliner Schnauze?
Oh, wir kennen die Deutschen sehr gut. Wir sind ein multiethnisches Volk mit starken griechischen, rumänischen, ungarischen und eben auch deutschen Einflüssen. Wir sind vielleicht etwas romantischer und emotionaler als die Deutschen und sicherlich weniger pünktlich, aber immer sehr erfinderisch. Wir wollten immer viele Dinge erreichen, aber wir hatten nie Geld. Heute sind wir z.B. einer der größten Exporteure der Welt für Computer-Software, aber meistens sind wir zu bescheiden und wollen gern allen gefallen. Das kann auch ein Nachteil sein.
BF Wie und wo kann ich etwas von der Ukraine in Deutschland kennen lernen?
Am 8. September geben wir einen Empfang anlässlich der zwanzigjährigen Unabhängigkeit der Ukraine, bei dem auch die wohlbekannte A-capella-Band Pikkardijska Terzija auftreten wird. Beim Opernball in Leipzig wird die 50-jährige Städtepartnerschaft mit einem Event gefeiert. Eine Kunstausstellung ist geplant, und es wird im Oktober vier Konzerte mit der Rockband Mad Heads XL geben, die wir als Botschaft unterstützen werden. Für Berlin planen wir am 2. November eine Feier gemeinsam mit dem Mauermuseum Checkpoint Charlie, bei dem der Violinen-Virtuose Vasyl Popadiuk auftreten wird. Ach, und über die Klitschkos haben wir nun gar nicht gesprochen.






















